Zu den gefährlichsten Faktoren der derzeitigen Krise unseres politischen und gesellschaftlichen Systems gehört die Verbreitung von ›alternativen Fakten‹, ›deep-fakes‹ und medialen Manipulationen aller Art. Die Lüge wird zum universalen Mittel von Politik, und dient der Legitimierung staatlicher Gewalt und der Enthemmung schlummernder Gewaltpotentiale. Sie verbinden sich zum Syndrom der Verleugnung der Wirklichkeit.
Was Wirklichkeit sei, gehört zu den ältesten Herausforderungen des philosophischen Denkens, und hat im Verlauf seiner Geschichte zu den unterschiedlichsten, einander widersprechenden Konzepten geführt.
Statt die Geschichte dieser Wandlungen des Wirklichkeitsbegriffs zu rekapitulieren, konzentriert Andreas Steffens sich in seinem diesjährigen Vortrag auf die Frage, warum es ein allgemein gültiges Verständnis von Wirklichkeit geben muss. Es ist die Voraussetzung einer funktionierenden, das Dasein ihrer Angehörigen gewährleistenden Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich ihrer Wirklichkeit nicht mehr gewiss ist, für deren Geltung es keine allgemeine Anerkennung mehr gibt, muss zerfallen.
Im Zentrum der Erörterung steht die Kategorie des Gemeinsamen als Kern eines Wirklichkeitsverständnisses, das Grundlage des menschlichen Lebens ist, das es nur in Gesellschaft geben kann. Die Leugnung von Wirklichkeit stellt in letzter Konsequenz die Existenz des Menschen in Frage.
Andreas Steffens, Philosoph und Schriftsteller; 1995-2005 Privatdozent für Philosophie an der Universität Kassel; Autor zahlreicher Bücher und Studien zur Anthropologie und Ästhetik; seit 2019 betreibt er den Philosophie-Salon Zeit zu denken im Wuppertaler No. 10 Kultursalon. Zu seinen wichtigen Büchern gehören: Philosophie des 20. Jahrhunderts oder Die Wiederkehr des Menschen (1999), Ontoanthropologie. Vom Unverfügbaren und seinen Spuren (2010), Auf Umwegen. Nach Hans Blumenberg denken (2021), Das Verhängnis Identität oder Der Zwang, etwas zu sein (2022); zuletzt erschien: Landgänge. Mensch und Meer; Materien des Denkens. Nach Beuys (2023) und Farbgedacht: Der Maler Frank Hinrichs (2024), sowie Heimkehr in die Fremde: Pariser Ankünfte (2024). Mit seinen Aphorismen-Büchern Petits Fours (2009) und Aufgehoben (2021) gehört er zu den renommiertesten deutschen Vertretern der kleinsten literarischen Gattung. Aktuelle Essays erscheinen auf www.faust-kultur.de. Jüngst der Essay »Sein Lassen« anhand von Texten der Trägerin des Literatur Nobelpreises 2026 Anne Carson, der im Zusammenhang des Kunst Projektes Das WegProjekt von Ike Vogt im Neuen Kunstverein 2023 entstand.